
Beim Fotoshooting für das Parkinsonbuch
„Alles gut.“ Wie oft sagen wir diesen Satz, obwohl unser Körper etwas anderes erzählt? Der Nacken ist fest, der Bauch reagiert empfindlich und das Gedankenkarussel läuft schneller, als wir sortieren können. Geräusche, Gespräche und Nachrichten werden plötzlich zu viel.
Vielleicht sagst du trotzdem: „Alles gut. Ich bin nur gerade ein bisschen dünnhäutig.“ Doch entsteht diese Dünnhäutigkeit nicht im luftleeren Raum. Wahlergebnisse, der Krieg in der Ukraine, steigende Spritpreise und andere Mehrkosten erreichen uns nicht nur als sachliche Informationen. Sie berühren Fragen der eigenen Sicherheit, Zukunft, Zugehörigkeit und persönlichem Handlungsspielraum.
Dazu kommen Arbeit, Familie, Gesundheit und die ganz normalen Anforderungen des Alltags.
Wir funktionieren weiter. Wir beantworten Nachrichten, kaufen ein, kümmern uns und treffen Entscheidungen. Währenddessen steht unser Inneres vielleicht längst auf Spannung.
Die wichtige Frage lautet deshalb nicht nur: „Was passiert da draußen?“
Sondern auch: „Was macht die Unruhe dort draußen mit mir?“
Unser Nervensystem reagiert nicht grundlos, sondern als lebendiges System, das ständig Informationen aufnimmt, bewertet und mit früheren Erfahrungen abgleicht. Permanent wirkt viel auf uns ein: Licht und Schatten, Nachrichten, Zeitdruck, innere und äußere Konflikte. Preise und Rechnungen wirken genauso wie politische Entscheidungen.
Es verarbeitet auch ständig, was von innen kommt: Hunger und Durst, Schmerzen, Schlafqualität. Hormonelle Veränderungen sind genauso eine Herausforderung wie entzündliche Prozesse und innere Anspannung.
Diesen Datensalat entwirrt unser Nervensystem ein und entscheidet:
- Ist das gerade sicher?
- Muss ich genauer aufpassen oder darf ich entspannen?
Wenn über längere Zeit mehr Anforderungen wirken, als wir verarbeiten können, wird der innere Spielraum kleiner. Dann kann ein zusätzlicher Kommentar, eine weitere Schlagzeile, eine unerwartete Rechnung oder eine eigentlich harmlose Frage das Fass zum Überlaufen bringen. Dünnhäutigkeit ist nicht automatisch ein Zeichen von Schwäche. Sie kann ein Hinweis darauf sein, dass der Körper sehr aufmerksam geworden ist.
Zu diesem Thema lese ich gerade ein spannendes Buch
Daniel Kahneman beschreibt in Schnelles Denken, langsames Denken zwei Arten, wie wir Informationen verarbeiten und Entscheidungen treffen. System 1 arbeitet schnell, automatisch und intuitiv. Es erkennt Muster, ergänzt fehlende Informationen und liefert uns in kürzester Zeit ein Gefühl dafür, was eine Situation bedeuten könnte. Das ist im Alltag unverzichtbar. Wir sind nicht in der Lage, jeden Schritt, jeden Blick und jede kleine Entscheidung ausführlich zu analysieren.
Aber schnelles Denken reagiert auch auf eindrückliche Bilder, häufig wiederholte Meldungen und emotional aufgeladene Botschaften. Wenn sich Nachrichten überschlagen, kann unser schnelles Denken sehr rasch zu einem Urteil kommen: Das wird gefährlich. Ich verliere die Kontrolle.
Es wird alles schlimmer- Ich muss sofort reagieren und darf nichts übersehen!
Diese Gedanken werden meist nicht bewusst formuliert. Doch der Körper zeigt sie deutlich in Form von überhöhter Anspannung.
System 2 dagegen arbeitet langsamer und bewusster. Es prüft, vergleicht und fragt: Was weiß ich wirklich und was vermute ich nur? Worauf habe ich Einfluss und welchen sinnvollen Schritt kann ich ableiten?
Langsames Denken braucht Energie. Genau diese Energie ist bei Schlafmangel, Schmerzen, Anspannung oder Reizüberflutung oft schlecht verfügbar. Kahnemans Systeme sind dabei keine zwei getrennten Schalter im Gehirn. Sie sind ein hilfreiches Modell, um zu verstehen, warum wir unter Belastung schneller urteilen und reagieren – und warum eine bewusste Pause einen Unterschied machen kann.
Dünnhäutigkeit hat viele Gesichter
Wenn das Nervensystem über längere Zeit auf Empfang steht, kann sich die Überlastung verschieden zeigen. Nach außen spüren wir sie beispielsweise als Reizbarkeit, Unruhe und Muskelspannung. Wir schlafen schlechter und werden empfindlicher gegenüber Geräuschen, Licht oder Berührung. Wir haben das Gefühl, sofort antworten oder handeln zu müssen.
Nach innen zeigt sie sich als Rückzug, unstillbare Müdigkeit oder das Gefühl, wenig Motivation und kaum noch Reserven zu haben. Viele Menschen erleben beides im Wechsel. Morgens angespannt und wachsam, nachmittags erschöpft. Im Außen funktionieren sie, zu Hause fehlt oft die Energie. Den Kopf voller Gedanken und gleichzeitig unfähig, Entscheidungen zu treffen.
Auch Darmbeschwerden, Verspannungen und Erschöpfung sind dabei nicht „nur psychisch“. Sie sind real und können viele Ursachen haben. Neue, starke, anhaltende oder sich verändernde Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden. Doch dürfen wir anerkennen, dass Körper, Nervensystem, Schlaf, Verdauung, Aufmerksamkeit und Belastung sich gegenseitig beeinflussen.
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein kleiner Moment
Eine Pause löst keine politische Krise. Ein langes Ausatmen senkt nicht den Benzinpreis. Und drei Minuten ohne Nachrichten verändern kein Wahlergebnis. Aber sie schaffen einen kleinen Moment zwischen dem, was einwirkt, und der Reaktion darauf.
Ein kleiner Versuch:
- Stell beide Füße auf den Boden und lasse den Blick langsam durch den Raum wandern.
- Atme nicht besonders tief ein.
- Lass zunächst nur das Ausatmen etwas länger werden.
- Lockere den Kiefer und spüre, wo dein Körper Kontakt zur Unterlage hat.
Frag dich dann:
- Was ist gerade eine Tatsache oder was möglicherweise eine Befürchtung oder eine schnelle Bewertung?
- Was braucht heute meine Aufmerksamkeit wirklich?
- Hat etwas Zeit bis morgen?
Das ist kein Reparaturprogramm und keine Aufforderung, die Welt schönzureden. Es ist eine Möglichkeit, dem langsameren, prüfenden Denken wieder etwas Raum zu geben. Kein alles gut um jeden Preis. Aber der nächste Schritt kann trotzdem gut gewählt sein.
Möglicherweise bringt ein Buch die Aufmerksamkeit für eine Weile zu einem anderen Ort.
Oktober ist Buchmesse-Zeit
Im Oktober richtet sich viel Aufmerksamkeit auf die Frankfurter Buchmesse. Ich werde in diesem Jahr nicht dabei sein. Trotzdem ist dieser Monat für mich ein besonderer: Am 15. Oktober 2026 erscheint mein neues Buch Neurozentriertes Training bei Morbus Parkinson im TRIAS-Verlag.
Darin geht es um einen mir besonders wichtigen Blick: Bewegung beginnt nicht im Muskel. Sondern seine Spannung beruht genauso wie Gleichgewicht und Energieversorgung auf der Wahrnehmung. Leichtigkeit und Gehfähigkeit entstehen im Nervensystem. Das Buch richtet sich an Menschen mit Parkinson, Angehörige und Fachpersonen. Es soll weder Angst erzeugen noch falsche Versprechen geben, sondern vor allem Zusammenhänge verständlich machen.
Bücher brauchen Leseorte
Ein Buch wird nicht erst lebendig, wenn es auf einer Messe liegt. Es wird lebendig, wenn es einen Leseort findet: Auf dem Sofa mit einem Stift in der Hand. Am Küchentisch nach einem Termin. Im Wartezimmer einer Praxis. Im Teamraum einer Therapieeinrichtung. In einer Selbsthilfegruppe.
Am Lieblingssessel eines Angehörigen. In der Tasche einer Physiotherapeutin oder eines Trainers. Anders gesagt genau dort, wo eine konkrete Frage entstanden ist.
Vielleicht kennst du einen solchen Leseort. Einen Menschen, eine Praxis, eine Gruppe oder eine Einrichtung, für die der neurozentrierte Blick auf Parkinson hilfreich sein könnte. Dann würde ich mich freuen, wenn du von dem Buch erzählst oder diesen Newsletter weiterleitest. Nicht als laute Werbeaktion, sondern als ruhige Einladung zum Verstehen. Hier erhältst du Informationen oder kannst das Parkinsonbuch ansehen.
Was du aus diesen Zeilen mitnehmen kannst
Dein Körper arbeitet nicht gegen dich. Auch wenn sich seine Reaktionen gerade übertrieben oder unverständlich anfühlen. Die Reizbarkeit möchte dich nicht ärgern. Mehr Spannung bedeutet keinen Endgegner. Ein empfindlicher Darm ist genauso wenig persönliches Versagen wie Erschöpfung eine Charakterschwäche ist.
Dein System versucht, mit den Informationen und Anforderungen zurechtzukommen, die es bekommt. Du musst deshalb nicht jede Schlagzeile aufnehmen, jede Diskussion mitnehmen oder jede Unsicherheit gleich lösen.
Du darfst informieren, ohne dich zu überfluten. Du darfst aufmerksam sein, ohne dauerhaft in Alarmbereitschaft zu bleiben oder langsam prüfen, obwohl die Welt schnelle Antworten verlangt.
Und du darfst freundlich mit dir umgehen, ohne passiv zu werden.
Mein Gedanke für dich
Vielleicht ist nicht alles gut. Möglicherweise ist gerade vieles offen, anstrengend oder unübersichtlich. Aber du kannst trotzdem einen guten nächsten Schritt machen.
Du kannst ausatmen und deinen Körper wahrnehmen. Du kannst eine Meldung später lesen oder eine schnelle Bewertung bewusst überprüfen.
Auch darfst du dir Unterstützung holen. Besser gesagt musst du nicht alles im Griff haben, um handlungsfähig zu bleiben. Ganz und gar nicht musst du unberührt sein, um klar zu denken.
Manchmal beginnt Klarheit nicht mit einer perfekten Antwort, sondern mit einem kleinen Moment, in dem du bemerkst: Die Welt ist unruhig. Aber ich muss ihre ganze Unruhe nicht gleichzeitig in mir tragen.
Geh´ nach draußen und genieß´ den Herbst. Auch das gibt Energie!
Corinna von Denkclever
PS: Wenn dir ein schöner Leseort einfällt, schreib´ mir Bescheid. Damit wir ihn füllen können.
#denkclever #Nervensystemverstehen #schnellesDenken #langsamesDenken #Rückzug #turbulenteZeiten #fbm2026 #MorbusParkinson #Parkinsonverstehen #allesgut #Leseort
