
Herbstlicht auf Rügen, Gedanken aus einer Trainerfortbildung – und die Frage zu Selbstwert und Selbstwahrnehmung: Wie können wir uns selbst ehrlich einschätzen, ohne uns abzuwerten?
Anfang des Monats war ich auf Rügen. Bei traumhaftem Herbstwetter, klarem Licht und dieser besonderen Inselatmosphäre die den Blick frei macht.
Dort unterrichtete ich eine mehrtägige Trainerfortbildung mit tollen, kooperativen Menschen, die sich wirklich aufeinander eingelassen haben.
Und mitten in diesen Tagen ist eine Diskussion entstanden, die mich seitdem immer wieder beschäftigt. Sie begann mit einer Frage:
Wie kann ich etwas objektiv bewerten – ohne den Menschen abzuwerten, um den es geht?
Vielleicht denkst du jetzt: Bewertung – das betrifft mich doch gar nicht. Ich schreibe keine Prüfungen mehr. Niemand setzt mich auf eine Skala.
Aber ist das wirklich so?
Eine Prüfung, die keine ist
Schau einmal genauer hin:
Der Blick in den Spiegel am Morgen.
Die Zahl auf der Waage.
Die Blutwerte beim Arzttermin.
Das kurze Zögern der Chefin, bevor sie antwortet.
Der Kommentar einer Freundin, der länger nachhallt, als er sollte.
Der Vergleich mit der Nachbarin, der Kollegin, der Frau auf dem Foto.
Die eigene innere Stimme am Abend: „Das hättest du besser machen müssen.“
Keine Prüfung. Kein Zeugnis. Keine Note.
Und trotzdem fühlt es sich an wie eine Bewertung. Manchmal wie ein ganzes Urteil, das Selbstwert und Selbstwahrnehmung betrifft.
Unser Nervensystem unterscheidet nämlich nicht zwischen „Information“ und „Urteil über mich“. Eine Zahl, ein Blick, ein Satz – und im Inneren meldet sich ein alter Gedanke:
„Ich genüge nicht.“
Nicht, weil du zu empfindlich wärst. Sondern weil dein System gelernt hat, wachsam zu sein. Viele von uns wurden früh bewertet – in der Schule, im Sport, in der Familie. Diese Bewertungen sitzen oft noch tief im Inneren fest, Auch lange nachdem das letzte Zeugnis ausgestellt wurde.
Was Bewertungsdruck mit dem Körper macht
Wenn sich etwas wie Bewertung anfühlt, reagiert der Körper wie auf Bedrohung:
Der Nacken wird fest.
Der Atem wird flach.
Der Bauch zieht sich zusammen.
Die Gedanken kreisen.
Der Schlaf wird unruhiger.
Und das Erstaunliche daran: Dein Körper braucht dafür keinen Prüfer von außen. Der innere Kritiker genügt vollkommen.
Viele von uns führen den ganzen Tag eine Art Dauerprüfung gegen sich selbst – ohne Termin, ohne Kriterien, ohne die Möglichkeit, jemals „bestanden“ zu haben.
Das ist anstrengend. Und es ist gar nicht nötig.
Die Frage heißt Nicht „ob“, sondern „wozu“
In der Diskussion am Ender der Trainerfortbildung auf Rügen wurde deutlich: Der Konflikt wird unlösbar, wenn wir fragen: Bewerten oder nicht bewerten?
Er wird lösbar, wenn wir fragen: Wozu dient diese Bewertung gerade?
Es gibt zwei völlig verschiedene Dinge:
Wahrnehmen ist laufend da. Unser System sammelt Informationen, damit du dich entwickeln kannst. Sein Maßstab ist dein eigener Weg.
Urteilen stellt einen Endzustand fest. Gut oder schlecht. Genug oder nicht genug.
Der Schmerz entsteht fast immer dann, wenn Urteilssprache in eine Wahrnehmungssituation einfließt – wenn aus „Mein Rücken ist heute steif“ ein „Ich bin eben nicht mehr fit genug“ wird.
Die Zahl auf der Waage ist eine Information. Was du daraus über deinen Wert als Mensch schließt, ist ein Urteil.
Du darfst das eine nutzen – und das andere lassen.
Wege, die beides verbinden
Ein paar Ideen, die ich aus der Diskussion und aus meiner Arbeit mitnehme:
Kann-Beschreibungen statt Urteile. Nicht „ich bin unbeweglich“, sondern: „Ich kann mich heute noch nicht so weit vorbeugen wie im Frühjahr.“ Das beschreibt einen Zustand, keinen Menschen.
Der eigene Weg als Maßstab. Objektiv heißt nicht „im Vergleich zu anderen“. Objektiv heißt nachprüfbar. Und nichts ist nachprüfbarer als dein eigener Fortschritt: „Vor acht Wochen war ich bei 3 von 10, heute bei 6.“
Selbsteinschätzung zuerst. Bevor du eine fremde Bewertung annimmst – vom Arzt, von der Waage, von einem Kommentar – frag dich: „Wo setze ich mich selbst auf der Skala von 1 bis 10 – und warum?“ Wer sich selbst einschätzt, behält die Hoheit über die Bewertung.
„Noch nicht“ statt „nicht“. Ein einziges Wort macht aus einem Urteil einen Weg. „Ich kann das nicht“ – oder: „Ich kann das noch nicht.“ Dein Nervensystem hört den Unterschied.
Erst wahrnehmen, dann entwickeln. „Ich sehe: Ich bin heute müde und verspannt. Nächster Schritt: ein Spaziergang statt eines Trainings.“ Kein Urteil dazwischen.
Angekündigte Bewertung. Die Unsicherheit, ob man gerade bewertet wird, ist giftiger als jede Bewertung. Gönne dir bewusste Check-in-Momente – einmal pro Woche ehrlich hinschauen – statt des ständigen Selbst-Scans im Hintergrund.
Wer setzt eigentlich den Maßstab?
Und dann ist da noch eine Frage, die wir uns viel zu selten stellen:
Nach wessen Maßstab bewertest du dich gerade?
Nach dem Maßstab der Werbung? Der Social-Media-Bilder? Der 30-Jährigen, die du einmal warst? Der Vorstellung, wie eine „gute“ Mutter, Partnerin, Tochter, Kollegin zu sein hat?
Die allermeisten von uns leben bewusst außerhalb jedes Leistungssystems. Unsere Ziele sind andere: Gesundheit. Freude. Beziehung. Ein Alltag, der sich gut anfühlt. Und eine Sichtweise, die Selbstwert und Selbstwahrnehmung nicht in Frage stellt.
Dafür brauchen wir nicht weniger Maßstab – wir brauchen einen passenden:
Schläfst du besser als vor einem halben Jahr?
Bewegst du dich freier?
Gehst du gern durch deinen Tag?
Wirst du dir selbst als Partnerin gerecht?
Ein Mensch, der nach einem Jahr noch oder auch wieder mit leuchtenden Augen durch sein Leben geht, hat „mit sehr gut bestanden“.
Ein kleiner DenkClever-Moment für heute
Bevor du dich das nächste Mal bewertest – oder dich bewertet fühlst – probiere diese drei Sätze:
Was nehme ich gerade wahr – ohne es zu bewerten?
Was wäre der nächste sinnvolle Entwicklungsschritt?
Dient dieser Gedanke meinem Lernen – oder ist er nur ein Urteil?
Vielleicht verändert das mehr als jede neue Methode.
Ein besonderer Oktober
Dieser Oktober ist für mich ein ganz besonderer Monat: Am 15. Oktober 2026 erschien mein neues Fachbuch Morbus Parkinson neurozentriert verstehen im TRIAS-Verlag.
Auch darin geht es – unter anderem – um genau diesen Blick: Informationen besser einzuordnen, statt sich von ihnen überwältigen zu lassen. Bewegung, Wahrnehmung, Energie und Alltag hängen mit der Verarbeitung im Nervensystem zusammen – Verstehen hilft mehr als Druck.
Das Buch richtet sich an Menschen mit Parkinson, Angehörige und Fachpersonen. Vielleicht kennst du jemanden, für den es ein guter Begleiter sein könnte – dann freue ich mich, wenn du davon erzählst.
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Mein Gedanke für dich
Vielleicht wurdest du früher oft bewertet – in der Schule, im Sport, in der Familie.
Vielleicht bewertest du dich heute selbst – jeden Morgen, jeden Abend, bei jedem Blick in den Spiegel.
Dann darfst du wissen:
Deine Werte können gemessen werden. Dein Wert nicht.
Versuche, dich wahrzunehmen, ohne dich zu verurteilen.
Du darfst Zahlen lesen, ohne dich auf sie zu reduzieren.
Selbstverständlich darfst du dich entwickeln, ohne dich vorher schlecht finden zu müssen.
Und jeder Tag darf ein Lernraum sein – kein Prüfungszimmer.
Sonnige Herbsttage wünscht,
Corinna von DenkClever
P.S.: Wenn du heute nur eine Sache mitnimmst, dann diese: Das Wort „noch“ ist klein, aber es verwandelt ein Urteil in einen Weg. „Ich bin nicht fit genug“ – oder: „Ich bin noch nicht so fit, wie ich werden möchte.“ Dein Nervensystem hört den Unterschied.
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